Tischsitten im Mittelalter

Die Meisten werden jetzt wohl sofort an den Ausspruch von Martin Luther denken, als er sagte
"Warum rülpset und furzet ihr nicht".

Dieser Ausspruch war allerdings höchst ironisch gemeint, sollte auf die schlechten Tischmanieren der Gäste aufmerksam machen und nicht etwa als Aufforderung zu ungeziemendem Benehmen bei Tische verstanden werden.

Aufgrund der landläufigen Meinung mag man es kaum glauben, doch tatsächlich waren die Tischsitten im Hoch- und Spätmittelalter viel feiner, als allgemein bekannt ist. So galten z.B. Verbote für lange Fingernägel, das Wegwerfen von Abfällen unter den Tisch, Schnäuzen mit der Hand, Kratzen, Spucken, Zähnesäubern mit der Messerspitze und das Ablecken der Finger. Zwar wurde wie im Frühmittelalter immer noch mit den Fingern gegessen, selbst in vornehmer Gesellschaft, aber die Tischsitten wurden immer kultivierter.

Mit den Frauen kamen die Benimm-Regeln
Im frühen Mittelalter waren Frauen bei Tisch nicht zugelassen. Im 11. Jahrhundert änderte sich das: Paare saßen bei Tisch zusammen und teilten sich Becher und Schüssel. Immer mehr Tischregeln wurden eingeführt und schnell gab es eine ganze Reihe von Benimmregeln, die zunächst von den Adeligen und dann immer mehr auch vom Volk beachtet wurden.

Hier einige Beispiele solcher Tischregeln:

  • Wasch dir die Hände vor dem Essen.
  • Fange nicht an zu essen, bevor die anderen anfangen.
  • Fasse nicht mit beiden Händen in die Schüssel und vermeide es – wenn sie
    zu heiß ist – darauf zu blasen, um das Essen nicht mit Speichel zu beflecken.
  • Stopfe nicht ein zu großes Stück in den Mund.
  • Trink oder sprich nicht mit vollem Mund.
  • Schmatze nicht.
  • Kratze Dich nicht am Leib oder Kopf.
  • Pass auf, dass keine sechsfüßigen Tierchen an Dir herumkrabbeln.
  • Wisch Dir den Mund ab, wenn du den Becher nimmst.
  • Wenn Du plötzlich niesen oder husten musst, lass allen freien Lauf,
    aber wende Dich ab.
  • Auch wenn Dir ein Stück Deines Tischnachbarn besonders gefällt,
    nimm es nicht weg.
  • Die Ellbogen soll man nicht aufstützen.
  • Wenn Höhergestellte anwesend sind, die Beine nicht übereinander schlagen.
  • Lasse etwas für die Armen übrig.

Die guten Tischsitten bei Hofe kamen im Zuge des höfischen Benimms und der Hingabe zur Minne auf. Eines der Zeugnisse dazu ist Tannhäusers "Hofzucht".
Die nun folgende Aufzählung daraus entstand vermutlich zwischen 1245 und 1265:

  • Beim Essen rülpst man nicht und schnäuzt auch nicht in das Tischtuch.
  • Auch soll sich niemand während des Essens über die Schüssel legen und
    dabei wie ein Schwein schnaufen und schmatzen.
  • Wer mit dem Löffel seine Speise nicht aufnehmen kann, der schiebe sie nicht mit den Fingern darauf.
  • Bevor man trinkt, wischt man den Mund ab, damit das Fett nicht in den Becher tropft.
  • Man soll nicht gleichzeitig reden und essen.
  • Man stochere nicht mit dem Messer in den Zähnen herum.
  • Auch ziemt es sich nicht, beim Essen auf den Tisch zu lümmeln.
  • Beim Essen kratzt man sich nicht mit der bloßen Hand,
    wenn es zum Beispiel an der Kehle juckt. Kann man es aber nicht vermeiden, so kratzt man besser mit seinem Gewand.
  • Es ist unanständig, angebissenes Brot wieder in die Schüssel einzutunken.
  • Auch der Knochen, den man abgenagt hat, legt man nicht in die Schüssel zurück.
  • Wer gerade Essen im Mund hat, der trinke nicht wie ein Vieh.

Zum Abschluss noch ein Wort zum Tisch:
Die Tische in unserer Zeit sind auf Böcke gelegte Holzplatten. Sehr praktisch, wenn man bedenkt, dass die Kaiser und Könige mit samt ihren Hofstaaten im Reich umherreisten, um das Land zu regieren. Nach dem Essen wurde der Tisch zum Transport zerlegt.
Die Redewendung „die Tafel aufheben“ gibt dies noch heute wieder.